Trinkwasserinstallationen: Widersprüche zwischen Regelwerk und Praxis

Porträtfoto Marcus Rybicki
Dr. Marcus Rybicki ist promovierter Biologe und seit 2013 am Technologiezentrum Wasser (TZW) in Dresden tätig, einer Einrichtung des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfachs (DVGW). Bild: TZW

Im Interview mit „Der Facility Manager“ informiert Dr. Marcus Rybicki vom DVGW-Technologiezentrum Wasser in Dresden über die Folgen perspektivisch steigender Temperaturen in Trinkwasserinstallationen.

Herr Dr. Rybicki, die globale Temperatur nimmt zu, der Trend wird sich mittelfristig nicht verändern. Was bedeutet das für die Temperatur in Trinkwasserinstallationen?

Diese Frage beschäftig die Wissenschaft schon seit ein paar Jahren, sodass sich länderübergreifend verschiedene Forschungsprojekte mit dem Thema beschäftigt haben. Die Ergebnisse der Projekte weisen dabei in dieselbe Richtung: perspektivisch wird das Trinkwasser wärmer.

Wie werden sich die Bodentemperaturen voraussichtlich entwickeln?

Aktuelle Messreihen beispielsweise vom Deutschen Wetterdienst, aber auch aus anderen Forschungsprojekten zeigen, dass die Temperaturen im Boden in bestimmten Tiefen durch den Klimawandel zunehmen. Besonders Omega-Wetterlagen im Sommer mit langen trockenen, wolkenlosen Wetterphasen führen zu einem starken Energieeintrag auf die Oberfläche und einem verstärkten Wärmefluss in den Boden. So können asphaltierte Flächen in urbanen Bereichen an Sommertagen über 50 °C erreichen und diese Energie in Abhängigkeit vom Untergrund auch in den Boden abgeben. Mit zunehmender Tiefe werden die Tagesspitzen abgepuffert und auch die absolute Höhe der Bodentemperatur nimmt ab. Dennoch findet ein Wärmeeintrag statt, der auch die typischen Verlegetiefen für Trinkwasserrohre bis hin zum Grundwasser erreicht. Durch Niederschlag tritt zwar eine Abkühlung der Bodenschichten ein, die Wärme wird aber auch verstärkt dem Grundwasser zugeführt, das sich in Folge erwärmt.

Die DVGW-Forschungsprojekt MibiTemp hat gezeigt, dass schon heute in den Sommermonaten Wassertemperaturen von 20 °C in den Verteilungsnetzen punktuell Realität sind.
Die DVGW-Forschungsprojekt MibiTemp hat gezeigt, dass schon heute in den Sommermonaten Wassertemperaturen von 20 °C in den Verteilungsnetzen punktuell Realität sind. Bildquelle: TWZ

Die Erwärmung wird also zuerst oberflächennahe Grundwässer betreffen.

Dies wurde von Kollegen aus Österreich in einem Forschungsprojekt detailliert untersucht. Geschützte Grundwässer aus tieferen Grundwasserleitern werden erst später oder bei sehr tiefen Grundwasserleitern in unseren Zeiträumen gar nicht betroffen sein. Für die Trinkwasserversorgung zeichnet sich aus den Messwerten verschiedener Projekte aktuell ein Erwärmungstrend von etwa 0,2 K pro Jahr ab.

Welchen zusätzlichen Einfluss haben wärmeemittierende Infrastrukturen wie Fernwärme, Kanalisation, Gebäude und Hochspannungsleitungen?

Im urbanen Bereich können beispielsweise Hochspannungsleitungen bei hoher Last Temperaturen von 80 °C erreichen und den umgebenden Boden entsprechend erwärmen. Das Regelwerk sieht daher aktuell bereits Mindestabstände für Kreuzungspunkte vor. Tatsächlich ist die Datenlage hier aus Sicht der Wasserversorgung aber noch nicht ausreichend und weitere Untersuchungen sind notwendig. Modellierungsergebnisse aus unseren Projekten zeigen aber ein deutliches Potential von wärmeemittierender Infrastruktur für die Erwärmung von Trinkwasser. Daher müssen Verantwortliche auf allen Seiten schon jetzt für das Thema sensibilisiert sein. Für den Bereich Facility Management betrifft das besonders die Parallelverlegung von warmen und kalten Medien im Hausanschlussbereich.

Was heißt das für die Temperaturen in der Trinkwasserinstallation (TWI)?

Die TWI ist der vulnerabelste Teil der Wasserverteilung. Bereits heute finden sich an verschiedenen Stellen der TWI regelmäßig Trinkwassertemperaturen über 25 °C. Entsprechend der aktuellen Regelwerke sollte nach spätestens 30 Sekunden die Temperatur aber 25 °C unterschreiten. Die DVGW-Forschungsprojekte EWaT und MibiTemp haben gezeigt, dass schon heute in den Sommermonaten Wassertemperaturen von 20 °C in den Verteilungsnetzen punktuell Realität sind. Selbst Temperaturen über 25 °C wurden vereinzelt in Verteilungsnetzen gemessen. Für die TWI bedeutet das, dass der Temperaturpuffer für die Trinkwasserinstallationen zunehmend kleiner wird bzw. nicht mehr vorhanden ist. Umso wichtiger ist, dass die Gebäudeverantwortlichen und Planer sich der Situation bewusst sind und durch bauliche Maßnahmen, wie die Trennung von kalten und warmen Medien im Gebäude, den Energieeintrag in das Trinkwasser minimieren.

Wo sehen Sie hier Widersprüche zwischen Regelwerk und Praxis?

Wenn die Trinkwassertemperarturen am Hauseingang 25 °C übersteigen, entspricht das nicht mehr dem TWI-Regelwerk. Diese Situationen treten zwar nur phasenweise und punktuell auf, werden perspektivisch aber zunehmen. Einen Wiederspruch sehe ich aber auch auf der baulichen Seite. Seit Jahren wird dort über die Trennung von warmen und kalten Medien gesprochen. So hat der Normenausschuss Trinkwasserinstallation (NA 119-07-07 AA) schon 2018 eine klare Empfehlung zur Trennung des Trinkwarmwassers vom Trinkwasser (kalt) in der TWI gegeben. In der Praxis wird dies aus Kostengründen bis heute aber häufig nicht angewandt. Auch im Allgemeinen sehe ich im Bereich der TWI einen hohen technischen Nachholbedarf. Im ULTRA-F Projekt, an dem wir auch beteiligt waren, wurden über 30 Wohnobjekte auf die Einhaltung der allgemein anerkannten Regeln der Technik geprüft und keines der Objekte entsprach diesen vollumfänglich. Im Gegenteil: viele wiesen gravierende Mängel auf, die den Betreibern nicht bewusst waren. Auch hier liegt also ein deutlicher Widerspruch zwischen Regelwerk und Praxis vor.

Welche hygienische Relevanz haben erhöhte Trinkwassertemperaturen?

Das Projekt MibiTemp konnte zeigen, dass durch die Verteilung von nährstoffarmen Trinkwasser die Trinkwasserhygiene auch im Bereich über 20 °C gewährleistet wird. Das Projekt fokussierte dabei aber auf Trinkwasserverteilungsnetze. Wie bereits erwähnt, ist die TWI besonders vulnerabel, da hier die Temperaturen, aber auch die Nährstoffverfügbarkeit zunehmen können. Entsprechend steigt auch das Risiko der Entwicklung unerwünschter Mikroorganismen. Hier hilft nur eine erhöhte Sensibilität bei Wartung und Instandsetzung sowie der bestimmungsgemäße Betrieb der TWI.

Ist mit einer Verschärfung der Legionellen-Problematik zu rechnen?

Legionellen sind ein wichtiger Aspekt, der aus dem MibiTemp-Projekt abzuleiten war. Grundsätzlich konnte in den Verteilungsnetzen keine Vermehrung von Legionellen nachgewiesen werden, was positiv zu bewerten ist. Es wurden aber bei verschiedenen Wasserversorgern Einzelbefunde von Legionellen unterhalb des technischen Maßnahmenwertes im einstelligen Bereich nachgewiesen. Dies zeigt, dass Legionellen unter anderem auch durch die Trinkwasserverteilung in die TWI gelangen. Das entsprach aber unseren Erwartungen. Verschiedene Forschungsprojekte haben zudem gezeigt, dass der Prozess der kritischen Legionellenvermehrung erst innerhalb der TWI beginnt. Dies ist dem veränderten Oberflächen-Volumen-Verhältnis in der TWI, der Trinkwassertemperatur und dem Nährstoffniveau geschuldet. Grundsätzlich gilt, dass der Vermehrungsprozess der Legionellen erst ab 25 °C in relevantem Maß startet. Mit Zunahme der Trinkwassertemperatur ist perspektivisch mit einer Erhöhung der Befundsituation zu rechnen.

Worauf ist beim Betrieb von Trinkwasserinstallationen zu achten?

Generell sollte das Thema Trinkwasserhygiene ein zentrales Thema sein. Die Differenz zwischen dem im Regelwerk beschrieben Sollzustand und dem realen Zustand von TWI im Feld ist beträchtlich und bietet neben hygienischer Optimierung auch viel Spielraum für energetische Optimierungen. Weiterhin sollten Betreiber von TWI das Thema Trinkwassertemperaturen schon heute im Blick haben und ihre Objekte auf Vulnerabilität prüfen. Bereiche, die einen starken Wärmeeintrag in das Trinkwasser beispielsweise in Zeiten mit geringer Abnahme ermöglichen, sollten baulich optimiert werden. Hierzu zählen unter anderem stark erwärmte Hausanschlussräume oder Schächte. Ein typischer Fallstrick ist auch die thermische Rückkopplung vom Trinkwassererwärmer auf das kalte Trinkwasser durch Konvektionsströmungen. Daneben sollte darauf geachtet werden, dass die TWI entsprechend ihrer initialen Bestimmung und Planung genutzt werden.

Welche Empfehlungen haben Sie für die Planung?

Wo es möglich ist, sollten warme und kalte Medien getrennt voneinander verlegt werden, um den Wärmeübergang in das kalte Trinkwasser so weit wie möglich zu reduzieren. Dies betrifft sowohl die Verteilung im Gebäude als auch den Bereich des Hausanschlusses. Der komfortgetriebene Trend, immer mehr Entnahmestellen pro Wohneinheit einzuplanen, sollte in Anbetracht der Herausforderungen der nächsten Jahre auch kritisch hinterfragt werden. Das vom Umweltbundesamt ausgearbeitete WaterSafetyPlan(WSP)-Konzept für Gebäude bietet einen Vorschlag für die Umsetzung eines risikobasierten Managementansatzes für TWI. Die Erarbeitung und Pflege eines WSP erfordert zwar Aufwand, die Vorteile ergeben sich jedoch aus der guten Dokumentation der TWI, dem Wissen um kritische Punkte sowie den bereits im WSP formulierten Handlungsgrundsätzen für Havariefälle.

Das Interview führte Michael Pecka

Dr. Marcus Rybicki vom DVGW-Technologiezentrum Wasser in Dresden ist Referent beim Online-Praxistag „Trinkwasser im Griff – Sicherheit, Qualität und Verantwortung im Betrieb“ am 11. November 2026.

NEUESTE BEITRÄGE